Ich habe fertig – wieder einmal

Im Melzer-Haus war in den letzten Wochen rege Betriebsamkeit. Meine nun erwachsene „kleine“ Tochter zog vom Boden bis in den Keller durchs ganze Haus auf der Suche nach Dingen, die ich vielleicht nicht mehr brauche und die sie für ihren ersten eigenen Hausstand brauchen könnte.

Da fand sich eine Menge: Meine alten Töpfe, die zwar noch richtig schön sind, aber auf dem neuen Induktionsherd nicht mehr funktionieren, überzählige Bettwäsche, Wischtücher, Handtücher, Tassen, Teller, Gläser und vieles mehr. Da wurden Kisten gepackt, Wohngeldanträge ausgefüllt und Tage gezählt, bis endlich der Tag der Wohnungsübergabe gekommen war. Und an diesem Tag fuhren wir alle zusammen in die Landeshauptstadt um diese süße kleine Wohnung in Augenschein zu nehmen. In den Tagen darauf wanderten alle Kisten und Körbe die hier schon fertig gepackt in Weg standen nach und nach in die kleine Wohnung und hier wurde es immer leerer. Es zog wieder Ordnung ein bei mir und bei meinem Kind wurde es immer wohnlicher.

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Vor zwei Wochen stand sie dann sonntags mittags vor mir, umarmte mich und sagte: „So Mama, von mir ist nun nichts mehr in diesem Haus!“, setzte sich mit ihrem Freund ins Auto und so fuhren die Beiden fröhlich von dannen.

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Ich hatte die letzten Tage und Wochen diesen Moment herbei gesehnt: Endlich wieder Ordnung im Haus. Und nicht mehr dieses WG-Feeling, bei dem ich diejenige in der WG war, die für Ordnung und vor allem für den immer gut gefüllten Kühlschrank zu sorgen hatte.

Und ich gönne meinem Kind diese erste, eigene Wohnung und das Glück, sich selbst einzurichten.

Aber: War das nicht eben erst, dass wir in das Geburtshaus gefahren sind um dieses kleine Mädchen zu bekommen? Ich weiß es noch ganz genau, wie sehr ich mich gefreut habe, dieses Bündel nach Hause zu bringen und erstmals in diesem Haus ein Baby zu haben. Das ist noch gar nicht lange her! Wir hatten doch eben erst an alle Treppen Treppengitter angebracht, damit mein kleines Mädchen da nicht herunter fällt.

Und war das nicht auch erst vorige Woche, als sie mit ihrer gefüllten
Zuckertüte vor mir stand und fragte: „Mama, wenn ich die Zuckertüte jetzt gleich wieder zurück gebe, muss ich dann am Montag nicht in die Schule gehen?“

Und dann die Zeit der Pubertät, als die Wellen hoch schlugen und ich an manchen Tagen das Gefühl hatte, wir können nicht miteinander und nicht ohne einander. Auch das gab sich wieder und unsere Beziehung wurde noch inniger.

Auch an das tolle Gefühl erinnere ich mich, als wäre es gestern gewesen, als mein „kleines Mädchen“ zum Abiball vorn stand und eine Rede für Lehrer, Eltern und Mitschüler hielt.

Reinhard Mey singt:

Kinder sind uns ja nur für kurze Zeit gelieh‘n,
Und sie sind ja gekommen, um weiterzuzieh‘n.
Doch sie gehen zu lassen, ist die schwerste Lektion.
Geduld, kleines Mädchen, ich lern‘ sie ja schon…

Jetzt fällt mir plötzlich auf, WIE kurz die Zeit ist, für die uns die Kinder geliehen sind. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich diese Zeit nicht noch viel mehr genießen können?

Nein, hätte ich nicht! Ich habe meine Kinder genossen und mich an ihnen gefreut, so viel ich konnte. Ich habe sie getragen und gestillt, nächtelang – und so lange, dass ich mich das dann keinem mehr zu erzählen getraut habe und in der Öffentlichkeit nicht mehr getan habe, weil das Kind schon in Sätzen sprechen konnte und grammatikalisch richtig formulieren, dass es gern gestillt werden möchte. Ich habe endlose Diskussionen mit meinen heranwachsenden Kindern geführt, habe sie bekocht und zugehört, Vokabeln abgehört, bin nachts aufgestanden wenn sie krank waren, habe Gespräche mit Lehrern geführt und für meine Kinder gekämpft. Es war manchmal sehr anstrengend, aber es war schön und es war sehr sinnvoll verbrachte Zeit. Und jetzt habe ich fertig! Zum fünften Mal. (Einmal darf ich noch…   🙂 )

Nun wird mir sehr deutlich, dass ich im Herbst meines Lebens angekommen bin. Im Herbst lassen die Bäume ihre Früchte los, damit diese frei sind, den Lebenszyklus wieder von vorn zu beginnen und ihre Samen auszustreuen. Die heiße Zeit geht zu Ende. Es wird kühler, aber auch wunderschön bunt. Eigentlich mag ich die Farben des Herbstes sehr. Aber dieses Jahr wünschte ich, der Sommer nähme kein Ende. Ich dachte, es hängt damit zusammen, dass ich seit diesem Jahr einen Pool im Garten stehen habe, den ich begeistert täglich nutze. Vermutlich ist es das aber nicht allein…

Nun habe ich schon zum fünften Mal ein Kind in die Selbständigkeit entlassen und ich finde, es wird mit jedem Mal schwerer, diese Lektion zu buchstabieren. Dabei hab ich ja noch einen! Das kann ja heiter werden, wenn er auch noch fertig ist! Irgendwann sitzen mein Mann und ich allein hier… und warten darauf, dass uns die Enkelkinder besuchen. Nur gut, dass mein Mann mir bleibt und dass wir schon so viele Enkelkinder haben!

Und nun werde ich mich auf den Herbst freuen und das tolle Farbenspiel genießen.

Und nächste Woche fahre ich zu meiner Tochter, als Gast in ihrer neuen Wohnung und dann beginnen wir, unsere Beziehung auf einer ganz neuen Ebene auszubauen!

2 thoughts on “Ich habe fertig – wieder einmal”

  1. Oh Mechthild! Heute morgen bin ich um 5.30 Uhr aufgestanden, um Ludwig zu wecken und saß erste Mal zur Arbeit zu schicken… Du weißt, das ist der, mit dem ich das erste Mal zu dir kam, als er erst ein paar Wochen alt war. Ich erinnere mich an Sophie als süße, trotzige 2jährige…
    Ja, auch ich musste heute morgen ein Tränchen verdrücken, als er loszog….
    Ja, sie sind uns nur geliehen. Alles was wir tun könnten, um sie zu selbstständigen, stärken Persönlichkeiten zu machen, haben wir getan. Alles, was jetzt kommt, haben sie zum großen Teil selbst in der Hand.
    Mein Zauberwort ist Vetrauen. Vertrauen in meine Kinder, Vertrauen in das Leben, Vertrauen auf Gott.
    Auf das sie gut im Leben ankommen!
    Liebe Grüße

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