Perdita und der verlassene Zwilling

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Als ich damals mit meinem jüngsten Kind schwanger war, wollte ich das zuerst garnicht so recht wahr haben. Eigentlich waren wir als Familie ziemlich zufrieden mit fünf Kindern und fühlten uns vollzählig. Offenbar sah Gott das aber ein wenig anders und war der festen Überzeugung, dass er uns noch mehr Kindersegen schenken will.

Meine Periode war ausgeblieben und mir war sooo übel! Da vertraute ich mich einer Freundin an. Diese sah mich an, fiel mir um den Hals und sagte: „Oh! Das ist so wunderschön! Da friert’s mich gleich! So ein kleines Menschlein wächst in dir heran!!!“ Da wurde mir auf einmal klar, dass ich ja nicht krank war, sondern neues Leben in mir heran wächst. Dass es sich nicht um etwas Bedenkliches handelte, sondern um etwas Wunderschönes! Plötzlich konnte ich die ganze Situation aus einem ganz anderen Augenwinkel betrachten.

Ich kaufte mir also einen Schwangerschaftstest und legte den dann zur Auswertung meinem lieben Mann auf den Schreibtisch. Der meinte darauf so ganz trocken zu mir: „Das heißt eindeutig: schwanger! Na, vielleicht sind es ja diesmal Zwillinge. Die fehlen uns noch in unserer Sammlung!“

Bisher war ich nicht der Meinung, dass mein Mann eine prophetische Ader haben könnte und deshalb lachte ich ein wenig entrüstet über seine Argumentation. Aber ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass ich ja nun noch knapp neun Monate Zeit habe, mich an die neue Situation zu gewöhnen, dass wir demnächst sechs Kinder haben würden.

Einige Zeit später ging ich zur Frauenärztin. Auf die Ultraschalluntersuchung freute ich mich schon, hoffte ich doch, das Herz unseres Kindes schlagen zu sehen.

Allerdings schlug erst mal mein eigenes Herz ganz schnell und aufgeregt, als die Frauenärztin mir den winzigen Embryo auf dem Bildschirm zeigte und sagte: „Schauen Sie, hier ist ist ihr Kind!  –  Und da ist noch eins! Das sind Zwillinge!!!“

Ich muss wohl doch etwas erschreckt ausgesehen haben, denn die Ärztin meinte: „Warten sie erst einmal ab, oft sehen wir bei einem so frühen Ultraschall Zwillinge, von denen dann nur eines weiter wächst.“ Diese Aussage beruhigte mich allerdings nicht so sehr, denn zwei Jahre vorher erzählte mir eine Mama, dass sie von eben dieser Frauenärztin diese gleiche Aussage gehört habe, sie hatte dann aber wirklich Zwillinge bekommen und auch sämtliche Komplikationen die eine Zwillingsschwangerschaft oft begleiten bis hin zum Hubschrauberflug in die nächste Uniklinik.

Meine Gefühle waren also sehr zwiespältig. Was würde nun aus meinem Wunsch nach einer Hausgeburt? Was würde aus meiner Familie, wenn ich die Hälfte der Schwangerschaft liegen muss? Und was, wenn es nun doch zu einer Fehlgeburt kommt? Zwillingsschwangerschaften sind ja eher anfällig für Komplikationen jedweder Art. Aber nun hatte ich diese(s) kleine(n) Würmchen schon fest in mein Herz geschlossen! Jetzt wollte ich doch gern schwanger sein.

Nach einigen Wochen war ich wieder bei meiner Gynäkologin bestellt. Mein Mann ging diesmal mit und meinte, er käme mit um durchzuzählen, wieviel Kinder das denn nun wirklich wären. Gespannt schauten wir auf den Monitor und sahen nur noch ein Kleines. Das war zwar gut gewachsen und winkte uns zu, aber es war nur noch eines! Ich hatte schon immer wieder überlegt, wie ich mich in diesem Moment fühlen würde. Ob ich vielleicht erleichtert wäre, weil ich doch weiter von einer Hausgeburt träumen könnte? Und die Schwangerschaft wäre dann bestimmt auch einfacher!

Aber nun fühlte ich nur eine tiefe Traurigkeit, dass ich nun nur noch ein Baby in mir trug. Bald jedoch überwog die Freude auf den Familienzuwachs mehr und mehr.

Fast alle meine Kinder kamen vor dem errechneten Geburtstermin zur Welt. Aber dieses Kind lies sich Zeit! Zweimal mixte mir meine Hebamme einen Trunk, der das Kindlein auf die Welt schubsen sollte. Jedesmal schlief sie eine Nacht bei uns, denn sie wollte nicht zu spät kommen zu unserer geplanten Hausgeburt. Zweimal hatte ich kräftige Wehen und jedesmal hörten diese nach wenigen Stunden einfach wieder auf.

Im Geburtshaus gelang es den Hebammen dann doch, das Kindlein zu überreden, sich auf den Weg zu machen. Nach einigen kleinen Ermutigungen kam der Kleine sehr schnell und unkompliziert auf dieser Welt an.

Die ganze Familie freute sich unbändig über das kleine Brüderchen. Nur: Was hatte das Kind? Er weinte sehr oft und viel mit panisch aufgerissenen Augen. Ich dachte erst, die schnelle Geburt hätte ihn verschreckt und so versuchte ich ihn zu trösten indem ich ihm tief in die Augen sah und ihm erklärte, dass ich ihn beschützen werde mit all meiner Kraft, damit er nie mehr etwas Schlimmes erleben muss. Erstaunlicherweise hörte dieses panische Schreien von diesem Zeitpunkt an auf.

Aber er sah uns auch später noch sehr oft mit großen, melancholischen Augen an. Als das Kind dann älter wurde, erzählten wir ihm von seinem Zwilling. Er schien nicht überrascht, nur sehr traurig, dass dieser Zwilling nicht mehr da war. Erstaunlich war auch, dass dieses Kind im Kindergartenalter immer von einem unsichtbaren Freund erzählte, der mit ihm Abenteuer erlebte.

Als mir dann einige Zeit später das Buch „Der verlorene Zwilling – Wie ein vorgeburtlicher Verlust unser Leben prägen kann“ von Evelyne Steinemann in die Hände fiel, wurde mir Einiges klar. (Wer sich für das Thema interessiert, HIER gibt es Literatur dazu.) Wenn man sich klar macht, dass Embryos durchaus erleben, was sich neben ihnen in der Gebärmutter abspielt, dann versteht man solche alleingelassenen Zwillinge viel besser.

Wir redeten also sehr viel über den Zwilling und darüber, dass dieser jetzt im Himmel ist, dass es ihm gut geht uns dass er dort auf seinen Zwillingsbruder wartet. Und es gab Zeiten, da trauerte unser Kind ganz heftig um seinen verlorenen Zwilling. Um ihm zu helfen, bot ich ihm an, diesen Zwilling zu stricken. Ich erzählte ihm, dass nur er allein wissen könne, wie sein Zwilling aussieht. Also lauschte mein Kind in sich hinein und beschrieb mir, was er mit seinen inneren Augen sieht. Er meinte, es sei eine Zwillingsschwester mit langen, dunklen Haaren, einem dunkelroten Kleid und großen, dunklen Augen. Und sie hätte Flügel, denn schließlich sei sie ja nun ein Engel. Und nein, die Flügel dürfen nicht am Kleid befestigt sein, sondern an dem Püppchen, denn Engel hätten ja Flügel, die angewachsen seien. So unser damals achtjähriger Sohn.

Und dann unterhielten wir uns über den Namen, den seine Zwillingsschwester hat. Ich überlegte so bei mir: wenn er seine Zwillingsschwester schon hergeben musste, dann soll er wenigstens einen Namen für sie aussuchen. Er dachte einen Tag lang nach und (das erfuhr ich hinterher) recherchierte im Internet. Dann kam er und verkündete, dass seine Schwester mit Namen PERDITA heißen würde. Ich verwunderte mich ein wenig, war mir doch dieser Name so überhaupt nicht geläufig. Aber mein Kind klärte mich auf: Der Name Perdita kommt aus dem Lateinischen und bedeutet „Die Verlorene“.  Aha!

Ich machte mich also daran, Perdita zu stricken und heraus kam dieses Püppchen, etwa 45 cm groß.

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One thought on “Perdita und der verlassene Zwilling”

  1. Hallo Mechthild,
    muss sagen das ich dass sehr interessant finde. Es ist merkwürdig was die Kleinen schon alles mitbekommen und super toll wie du auf die Idee gekommen bist, ihm seine Schwester zu stricken ( die mir sehr gefällt ). Ja unsere Kinder sind eins der größten Geschenke, die wir von unseren Herrn bekommen dürften!
    Liebe Grüße Gabi

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