Für Emelie

 

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Liebe Emie!

Als ich dich kennen lernte, warst du sechs Jahre alt. Deine Eltern hatten gerade das vierte Kind bekommen und es klappte mit dem Stillen nicht so ganz. Kein Wunder, denn das, was deine Eltern leisteten, war enorm: Da war die kleine Baby-Schwester, eine zweijährige Schwester und dein vierjähriger Bruder und du, ein ganz besonderes Kind. Du konntest gerade krabbeln und deinetwegen sorgte die ganze Familie akribisch dafür, dass nichts auf dem Fußboden oder in deiner Reichweite lag, was nicht biss- und speichelfest war oder so klein, dass du es verschlucken könntest. Deine Mama erzählte mir von deiner Geburt und von dem Tag danach, als sie aus heiterem Himmel erfahren hatte, dass du ein ganz besonderes Kind bist und immer bleiben wirst: Diagnose Balkenmangel. (Balkenmangel bedeutet, dass die „Brücke“ aus Nervenfasern, welche die beiden Großhirnhälften verbindet, (mehr oder weniger) fehlt.)

Was mir auffiel war, dass du ein unwahrscheinlich fröhliches Kind warst, man erlebte dich sehr oft lachend und jubelnd. Du konntest dich über so vieles freuen. Sei es, wenn deine Eltern das kleine Schwesterchen ins Tragetuch banden und du nach den bunten Zipfeln vom Tragetuch haschtest, oder auch weil du aufmerksam das Spiel deiner Geschwister verfolgtest und dich an ihrer Freude beigeistertest.

Dabei berührte mich die Fröhlichkeit, die deine Familie ausstrahlte. Deine Mama ist eine ganz herzliche Frau, die mit ganzem Herzen für ihre Kinder da ist. Dein Papa der ruhende Pol, der die Fäden in der Hand hat und seine Familie umsorgt und beschützt. Und man spürte förmlich die Dankbarkeit deiner Eltern für diese vier wunderbaren Kinder.

Einige Zeit später gab es eine Filmvorführung über dich und deine fünf Klassenkameraden aus der Blindenschule, bei der ich dabei sein durfte. Wieder war ich tief berührt von deiner Lebensfreude und der Liebe und Hingabe mit der deine Eltern und deine Lehrer, Therapeuten und Erzieher sich um Euch kümmerten. Man musste dich und deine Freunde einfach ins Herz schließen!

Seit letztem Jahr nun ist deine Familie noch um ein kleines Schwesterchen reicher und ich war wieder zur Stillberatung bei euch. Ehrlich, ich glaube ganz sicher, dass es für ein kleines Menschlein einfach wunderschön ist, in solch einer Familie zu landen! Besser kann man es als Kind kaum treffen! Und deswegen kam ich auch ab- und zu deine Familie besuchen wenn es überhaupt kein Stillproblem gab. Wir wurden ganz echte Freunde.

Vor zwei Wochen nun erhielten alle Freunde deiner Eltern eine schockierende Nachricht: Deine Mama schrieb uns in einer Mail, dass dir am Samstag beim Familien-Grillabend plötzlich übel wurde, so dass der Notarzt kommen musste und dich mit Blaulicht und Tatütata ins Krankenhaus brachte. Dort stellte man nach einigen Untersuchungen fest, dass sich in deinem Darm etwas verheddert hatte und du wurdest notoperiert.

Alle eure Freunde beteten für dich, dass du möglichst schnell wieder gesund wirst. Am Dienstag fuhr ich zu deiner Familie. Ich musste deine Mama einfach mal in den Arm nehmen. Ich konnte mir vorstellen, wie ihr zumute war.  Wir machten uns gegenseitig Mut, dass du sicher wieder gesund werden wirst und diese Krankheit überstehen kannst –  als dieser fürchterliche Anruf aus dem Krankenhaus kam, dass du es nicht schaffen wirst.

In diesem Moment hatten wir alle das Gefühl, dass die Welt zusammen bricht, dass der Boden unter unseren Füßen verschwindet und wir in eine tiefe Grube fallen.

Es war klar, dass deine Eltern jetzt einfach bei dir sein müssen und so fuhren wir miteinander zu dir. Dass ich dich das nächste Mal in der Intensivstation sehen würde, an so viele Geräte angeschlossen, hatte ich noch kurz vorher nicht gedacht.  Und nun lagst du da – und kamst mir so sehr „groß geworden“ vor. Deine Behinderung war total in den Hintergrund getreten. Da lag ein elfjähriges Kind, intensivmedizinisch betreut, aber eine totale Ruhe ausstrahlend. Wir konnten direkt die Engel spüren, die um dein Bett standen, bereit dich mitzunehmen in ein Land, in dem es keine Behinderungen und Krankheiten gibt. Und wir spürten, dass du merktest, dass wir da waren. Sterbende nehmen mit ihrer Seele wahr, nicht mehr mit dem Verstand. Deine Seele war ja nicht behindert, sie war hellwach. Wir konnten sehen, wie dir zwei Tränchen aus dem Auge kullerten, als Gruß an uns. Oder waren es Freudentränen über das, was du da vor dir sahst? Du warst bereits auf dem Weg zum Himmel. Wahrscheinlich hast du das goldene Tor schon vor dir gesehen.

Deine Mama erzählte dir, wie gern sie dich noch eine Weile hier behalten würde, dass sie dich aber aus Liebe gehen lassen würde wenn du lieber im Himmel sein möchtest. Unter Tränen verabschiedeten wir uns von dir. Die Krankenhausseelsorgerin kam und stand uns zur Seite als wir versuchten, das Unfassbare zu fassen. Deine Eltern hatten damals vor elfeinhalb Jahren, als du geboren warst, dich unter Tränen so aus Gottes Hand angenommen. Sie hatten „ja“ gesagt zu dir, mit all deinen Einschränkungen. Hatten dich in ihr Herz geschlossen und jeden Tag mit dir genossen. Jetzt sollten sie ein „ja“ dazu finden, dich gehen zu lassen. Gibt es einen Weg für Eltern, der noch schwerer ist als den, sein Kind aus Liebe loszulassen?

Einen reichlichen Tag später hattest du dann dein Ziel erreicht.

Du bist der Gewinner in dieser Geschichte. Du bist jetzt an dem Ort, von dem die Bibel sagt, dass es dort weder Tränen noch Leid gibt und dass es dort wunderschön ist. Aus der Bibel wissen wir, dass du jetzt einen neuen, gesunden Körper hast. Jetzt endlich kannst du rennen und sprechen, es geht dir so gut, wie es dir nur gehen kann.

Nur deine Eltern, Geschwister, Großeltern, Freunde und alle, die dich lieb haben, müssen jetzt mit dieser großen Lücke leben, die du hier hinterlässt. Überall in eurem Haus stößt man auf deine Spuren. Und nicht nur da, in der Schule, in der Kirchgemeinde, in der Nachbarschaft – überall fehlt dein fröhliches Lachen.

Du hast viele Spuren hier auf der Erde hinterlassen. Viele Menschen sind durch dich berührt und gesegnet worden. Als wir am vergangenen Montag deinen Körper in die Erde gebettet haben, waren unwahrscheinlich viele Leute da und haben deinen Einzug im Himmel in deinem neuen, gesunden Körper gefeiert. Wir haben dankbar zurück geschaut, auf die Zeit, die du hier mit uns gelebt hast, wir haben geweint, weil du nicht mehr hier bist und wir haben bunte Luftballons in den Himmel steigen lassen um für uns sichtbar zu machen: Du bist nicht unten in diesem Grab, wir müssen nicht nach unten schauen, sondern nach oben.

Emie flieg!

Du bist wieder dort, von wo du für eine kurze Weile hierher geschickt wurdest um hier bei uns reichen Segen zu hinterlassen. Du hast sehr viele Menschen berührt. Zuerst durch deine Fröhlichkeit und deine Stärke, mit der du in deinem behinderten Körper gelebt hast. Du hast deine Eltern stark gemacht. Sie haben für dich mit Ärzten und Behörden gekämpft. Die Fürsorge für dich hat die Beiden zusammen geschweißt und stark gemacht. Das Leben mit einer großen Schwester, die niemals alles das schaffen kann, was ein nicht behinderter Mensch schafft, hat deine Geschwister geprägt und feinfühlig gemacht. Jeder Mensch, der sich auf dich eingelassen hat, ging von dir nicht als derselbe wieder weg. Und jetzt hast du so viele Menschen in der Erinnerung an dich vereint. Du bist für uns alle ein Magnet geworden, ein Magnet, der uns in den Himmel zieht.

Liebe Emie, du bist am Ziel, du hast deine Lebensreise geschafft. Ich bin sicher, dass die ganze Geschichte mit Gott und dem Himmel wahr ist und dass ich dir einmal dahin folgen werde. Und ich freue mich darauf, dich und all die Lieben, die ich schon hab gehen lassen müssen, einmal wieder zu treffen. Bis dahin werde ich noch fröhlich anpacken, was es hier für mich zu tun gibt. Danke, dass du uns so viel Segen hier gelassen hast. Danke, dass du uns vorgelebt hast, dass man auch mit kleiner Kraft und einem schwachen Körper so viele Menschen prägen und froh machen kann.

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Für Emie

1.Dies zu ertragen ist so schwer!
Wir weinen tausend Tränen.
Du gingst voraus, folgst himmlischen Plänen.
Aus Liebe geben wir dich her.

Refrain:
Ich seh‘ dich schaukeln im himmlischen Garten
keine Tränen und kein Leid sind mehr da.
Du kannst nun laufen und springen und schnattern
und JESUS selbst ist dir nah.

Ich seh‘ dich sitzen, ein Buch anschauen,
ganz klug und schön bist du anzuseh’n.
Du bist nun frei von Allem, was dir schwer war!
Dir könnte es nirgends besser geh’n.

2. Uns’re Große, unser Mädchen – sie hat uns wohlgetan,
die Zeit, die wir hatten, gemeinsam mit dir.
Wir sind doch nur ein kleiner Teil von Gottes großem Plan.
Du hast gern gelebt und warst oft fröhlich hier.

Refrain:
Ich seh‘ dich schaukeln im himmlischen Garten
keine Tränen und kein Leid sind mehr da.
Du kannst nun laufen und springen und schnattern
und JESUS selbst ist dir nah.

Ich seh‘ dich sitzen, ein Buch anschauen,
ganz klug und schön bist du anzuseh’n.
Du bist nun frei von Allem, was dir schwer war!
Dir könnte es nirgends besser geh’n.

3. Wir rutschen als Familie zusammen, über allem Bitten und Versteh’n.
Wir werden getragen und wissen um ein Wiederseh’n
Auch wenn unser Herz wünscht, dass alles so bliebe –
DU GEHÖRST FÜR IMMER ZU UNS!!! Es bleibt die Liebe!

Es bleibt die Liebe!

Text und Musik:  Christine Straube

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8 thoughts on “Für Emelie”

  1. Meine liebe Mechthild,
    danke! Wie hast du das schön geschrieben! Wir können rein gar nix hinzufügen. Danke das du so eine liebe, unsere Freundin bist!
    Ist das wertvoll!!! Tränenlauf….
    Michi & Dana, Emies liebende Eltern

  2. Liebe Mechthild,

    Gerade hat uns der Link von Michael erreicht zu Deinem Block, schöner und wahrhaftiger kann man es nicht sagen. Ich selbst bin Mama von 3 gesunden Kindern (21, 19 und 8 Jahre alt), ich habe Bieglers durch meine Arbeit in der Orthopädietechnik kennengelernt, wir haben Emie mit Hilfsmitteln versorgt. Die Begegnungen mit allen Bieglers haben auch unser Leben verändert, Emie hat „Kleines groß gemacht“, duch sie erfuhren wir wieder, was wirklich wichtig ist. Familie Biegler ist für mich eine gesegnete von Gott behütete Familie und ich glaube, sie sind auch seine Botschafter. Ich habe an Emies Verabschiedung traurige Erinnerungen aber spüre seitdem auch tiefen inneren Frieden.
    Ganz herzlichen Dank für die lieben Worte.

    Liebe Grüße von Familie Kerstin und Uwe Störl mit Melanie, Maria und Max

  3. Hallo Mechthild, sehr ergreifend und einfühlsam geschrieben. Unsere Schwiegertochter und ihre Familie kennen die Familie sehr gut, wohnen auf der gleichen Straße .Liebe Grüße Gabi
    .

  4. Oh, Mechthild, wie schön und sooo ergreifend!!! Ich muss weinen, auch wenn ich Emelie leider nicht kannte und nur für Ihre Familie beten durfte.

    LG Regine

  5. Liebe Mechthild,

    ich kenne die Familie nicht, aber Deine Zeilen haben mich sehr berührt. Ich wünsche der Familie Gottes Trost. Ich danke Dir, dass Du mit Deinen Worten so viel ausdrücken kannst: Wertschätzung, Abschiednehmen, Hoffnung, Glaube…
    Liebe Grüße Ines

  6. Liebe Mechthild, nach einem technischen Problem konnte ich erst heute deinen Blog öffnen. Danke, für deine Worte über Emi und deine Hilfe für die ganze Familie. Es tut gut Menschen mit so viel
    Herz und Gottes Liebe in Aktion zu erleben!!!
    Emis Geschichte (und ihre wunderbare Familie) berührt so viele Menschen. In sofern ist dieses kleine, wunderbare Mädchen schon vielen zum Segen geworden. Sind Gottes Wege nicht höher als unsere….

  7. Liebe Mechthild, danke für diese schöne Zusammenfassung. Gut, dass es Menschen wie dich gibt, die zur Stelle sind, wenn man Hilfe braucht. Uns war es auf Grund der Entfernung leider nur bedingt möglich, für Dana und Micha und die Kinder da zu sein. Aber ich glaube Gott schickt sein Bodenpersonal, in dem Moment durch dich. Mich haben zur Feierstunde besonders die 2 Lieder berührt. So liebevoll und persönlich. Die würde ich mir gern wieder anhören.
    Aber bis dahin wünsche ich dir und deiner Familie Gottes Schutz und Segen.

    Liebste Grüße Jule, Patentante von Elias

    1. Liebe Jule! Die Lieder auf CD aufzunehmen ist geplant und wird definitiv werden. Allerdings: wie sagt man so schön: „Gut Ding will Weile haben…“ Ich möchte die beiden Lieder aber auch selbst gern noch öfter hören, deswegen werde ich dran bleiben.

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