Wenn der Tod seinen Schrecken verliert

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Einige von euch wussten, dass meine Mutti seit etwa 10 Jahren an Parkinson und Alzheimer-Demenz litt.

Vor sechs Jahren zog sie in eine Seniorenwohngemeinschaft hier in der Nähe, in der rund um die Uhr ein Pflegedienst vor Ort ist. Meine jüngere Schwester arbeitet dort. So war Mutti immer noch „familienbetreut“. (Ich arbeite in dieser WG ehrenamtlich als Mietersprecher und mein Vater besuchte unsere Mutter nahezu täglich. (Ab einem bestimmten Schweregrad ist es nahezu unmöglich, demenzkranke Menschen zu Hause zu pflegen.)) Den Umzug entschied meine Mutti damals noch selbst mit. Sie hatte, als sie das noch konnte, viele Bücher über Demenz gelesen und wusste genau, was auf sie zukam. Zu ihrer Freundin sagte sie einmal: „Wenn Gott mich diesen Weg schickt, dann vertraue ich ihm auch, dass er mich da hindurch führt.“ Mit dieser Einstellung ging sie den Weg dieser Krankheit und das spürte man ihr auch bis zum Schluss ab. 

Meine Mutti wurde dort super betreut. Trotzdem wurde es immer weniger was sie noch selbst konnte. Seit etwa zwei Jahren wusste sie nicht mehr, wie sie essen sollte, ab da wurde sie gefüttert. Kurze Zeit später hatten wir das Empfinden, dass sie uns nicht mehr erkennt. Schon lange gelang es ihr nicht mehr, ganze Sätze zu sprechen. Irgendwann waren ihr auch die einzelnen Wörter verloren gegangen. Trotz allem war sie immer freundlich und zufrieden. Anhand ihrer Mimik konnten wir ahnen, dass sie oft Schmerzen hat, deswegen bekam sie Schmerzmittel.

Ende Februar wollte sie dann nichts mehr essen und trinken, hatte aber offensichtlich immer stärkere Schmerzen. So kümmerten wir uns, dass sie eine wirklich gute Palliativ-Betreuung bekam, die ihr dann auch völlige Schmerzfreiheit bescherte.

Ich verbrachte jede freie Minute bei ihr, teilweise auch nachts. Später dann wechselte ich mich mit meiner Schwester ab, so dass Mutti nie alleine sein musste. Meist schlief sie. Wenn sie unruhig war, saßen wir an ihrem Bett und hielten ihre Hand. Auf Musik, vorzugsweise auf die Lieder, die sie in ihrer Jugendzeit viel gesungen hatte, reagierte sie noch immer. Das zu hören machte sie ruhig, egal ob mein Vater ihr diese auf der Mundharmonika vorspielte oder ob wir sie sangen oder von YouTube abspielten.

Von Tag zu Tag konnte man zusehen, wie Muttis Kraft weniger wurde. Allerdings hatte ich überhaupt nicht mehr das Gefühl, einen demenzkranken Menschen vor mir zu haben, sondern das war einfach nur ein sterbender Mensch. Manchmal drückte ich ihre Hand, da drückte sie zurück. Ich konnte es kaum glauben, dass ich noch so weit zu ihr vordringen konnte und drückte zweimal, daraufhin drückte sie meine Hand zweimal zurück. Das war für mich der Beweis, dass sie spürte, dass ich da war und dass sie nicht allein sein musste.

Ich erzählte ihr immer wieder, dass sie gehen darf, dass wir uns um unseren Vater kümmern und dass wir sicher wissen, dass wir sie im Himmel wieder sehen werden. Zwei meiner Brüder sind schon im Himmel und ich malte meiner Mutti in den schönsten Farben vor, wie sie diese Beiden bei ihrer Ankunft dort begrüßen werden.

Am 29.Februar kam ich gegen Mittag zu ihr um meine Schwester abzulösen. Kurz nachdem diese gegangen war, fing meine Mutter an, immer langsamer zu atmen. Ich überlegte, ob ich ich meine Freundin, die im Hospiz arbeitet, noch einmal anrufen sollte, damit sie mir einige hilfreiche Tipps geben könnte, verwarf diesen Gedanken aber, da ich wusste, dass diese gerade Nachtdienst gehabt hatte. Etwa 10 Minuten später ging die Tür auf und diese Freundin kam herein und fragte ob es mir Recht sei, wenn sie zu uns käme. Und wie mir das Recht war! Ich hielt die Hand meiner Mutti und meine Freundin stärkte mich. Sie tröstete mich, dass meine Mutti von dem letzten Stück Weg nicht mehr so viel mitbekommt, dass das aber durchaus für die beängstigend sein könnte, die da zusehen (müssen). Dann sang sie ein Lied und betete einen Psalm. Mir liefen die Tränen über das Gesicht. Plötzlich drückte meine Mutti mir noch einmal ganz deutlich die Hand. Danach tat sie ihren allerletzten Atemzug.

Ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll, aber ich habe das Gefühl, an diesem Tag einen Schatz gefunden zu haben, den ich Zeit meines Lebens nicht mehr verlieren werde. Es schien ein Stück von der Ewigkeit in Muttis Zimmer zu kommen. Das war so ähnlich wie bei meinen Geburten im Geburtshaus: Es war so harmonisch und so stimmig. Ich durfte bis zum Schluss dabei sein, durfte Muttis Hand halten und sie so weit begleiten auf ihrer Reise, wie man einen sterbenden Menschen nur begleiten kann.

Und ich weiß ganz sicher, dass sie da wo sie jetzt ist, nicht mehr in diesem kranken Körper gefangen ist, dass sie wieder ganz gesund und fit ist und dass ich ihr einmal nachfolgen werde. Ich empfand erst einmal einfach nur Glück. Ich freute mich für meine Mutti, dass sie nun dort sein kann, wovon in der Bibel geschrieben steht, dass es da weder Leid, noch Tränen, noch Krankheit gibt, dass sie es „geschafft“ hat. Sie ist „am Ziel“ angekommen. Meine Schwägerin, die dann dazu kam, meinte: „Wenn man Jemand so sterben sieht, dann braucht man echt keine Angst mehr vor dem Sterben zu haben!“

Natürlich ist dieser Abschied erst einmal endgültig hier auf der Erde. Natürlich ist eine Beerdigung eine traurige Begebenheit. Und trotzdem ist da so viel Freude dabei und das Empfinden, dass  ich Zeuge bei etwas ganz Großartigem sein durfte, nämlich dabei, wie ein erfülltes Leben ganz friedlich zu Ende geht und ein Mensch in die Ewigkeit hinüber reist. Ich glaube, meine Mutti und ich waren uns nie so sehr nahe wie in dieser letzten Woche. Und die letzte Stunde mit meiner Mutti ist in meiner Seele als großes Geschenk für alle Zeit eingebrannt.

 

5 thoughts on “Wenn der Tod seinen Schrecken verliert”

  1. Liebe Mechthild, mich hat es sehr berührt, was Du schreibst. Ich durfte vor über zwei Jahren auch am Bett meiner Mutter sitzen, ihre Hand halten u sie „zur Tür in die Ewigkeit“ bringen. Vieles hab ich so wie du erlebt u empfunden. Was haben wir für einen großen Schatz mit der Gewissheit, unser Leben geht weiter! Euch allen tiefen Trost u Kraft für das Aushalten der Lücke, die jetzt entstanden ist! Sei herzlich gegrüßt! Judith

  2. Oh Mechthild! Das ist sehr bewegend, was du da schreibst. Es tut mir sehr leid, dass deine Mutter nicht mehr da ist. Und ich finde es sehr bewundernswert, wie du trotz aller Trauer deinen Frieden mit dem Abschied gemacht hast.
    Alles Liebe und Gottes Segen!
    Sandy

  3. Liebe Mechthild,
    Vielen Dank dass du dieses intime Erlebniss hier mit uns Leserinnen teilst und dass wir davon provitieren können.Theoretisch ist uns ja Vieles klar, aber wenn es dann tatsächlich mal ans Eingemachte geht und wir das was wir glauben ganz praktisch erleben und umsetzen dürfen, zittern uns dann oft trotzdem die Knie und dann ist es ein Schatz wenn wir so eine Glaubensschwester wie dich kennen, von dir lesen oder dich auch anrufen dürfen.
    Danke für die wertvolle Zeit die du investierst, für die vielen Stunden die du ohne finanzielle Entlohnung! am Telefon zuhörst, tröstest und ermutigst!
    Gerade ist mir beim Schreiben an dich auch etwas klar geworden 🙂 was mich ganz persönlich betrifft.
    Sei gesegnet, getröstet und ermutigt, in Jesu Namen!
    Liebe Grüsse. Claudia Veit.

  4. Liebe Schwester,
    ich danke Dir nochmal von Herzen, daß Du bis zuletzt bei Mutti gewacht hast und sie auf dem letzten Weg begleitet hast. Ich bin froh, dass Du es gern übernommen hast, weil ich es aus unserer familiären Situation heraus nicht tun konnte. Ein klein wenig neide ich Dir diese Erfahrung aber auch! Sicher darf ich das :). Danke auch für alles, was Du für Mutti in den letzten Jahren getan hast und für alle Vorbereitungen für die Beerdigung. Es war toll, wie alles geklappt hat.Liebe Grüße von Deiner (großen) Schwester

  5. Liebe Mechthild,

    wieder ist ein Mensch in seine eigentliche Heimat zurückgekehrt. Dieses Mal war es Deine Mutti. Auch wenn Dir sicher weh ums Herz ist, möchte ich Dich mit dem Bibelwort trösten: „Ihr Ende ansehend, ahmt ihren Glauben nach!“ Du hast in Deiner Mutti ein solches Glaubensvorbild erlebt, das auch Deinen eigenen Weg mit geprägt hat. Dass Dir diese Tatsache immer wieder Trost gibt und Dich bei allem Abschiednehmen dankbar macht, wünscht Dir in tiefer Verbundenheit
    Deine Edel

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