Der kleine Trotzkopf

2015-10-02 20.37.46

Es ist schwerer, einen kleinen Zweijährigen zu betreuen als ein Baby, denn der Zweijährige lässt nicht mehr alles mit sich machen. Er hat plötzlich eigene Ideen, ja einen ganz eigenen Kopf. Das ist total faszinierend, aber auch oft recht anstrengend.
Das größte Geschenk Gottes an die Zweijährigen ist das Wörtchen „NEIN!“ Aber es ist auch eine tolle Aufgabe und Herausforderung, solch einem kleinen Menschen bei seiner Charakterbildung zu helfen. Man muss nur verstehen, wie das Kind nun tickt.

Im Alter von ca. 2-4 Jahren entwickeln sich unsere Kinder zu ganz großartigen Entdeckern. Zum Beispiel erforschen sie mit Begeisterung, wie sich Milch verhält, wenn man sie umschüttet. Früher passierte ihm so etwas Interessantes aus Versehen. Jetzt ist unser Entdecker schon so groß, dass er in der Lage und willens ist, solch eine Situation bewusst herbei zu führen.  Mit 15 Monaten beobachtet das Kind mit großem Interesse, wie Milch in kleinen Tröpfchen an Mamas Bein hinunterläuft und unten ein See wird. Es lernt Physik. Es erforscht im Selbstversuch, wie sich Flüssigkeiten verhalten wenn man sie frei lässt, völlig ohne Hintergedanken.  – Mit 2 Jahren fängt das Kind an, seine physikalischen Versuche noch auf andere Ebenen auszuweiten: Es lernt Psychologie und Lebenskunde, es beobachtet Mamas Gesicht und Mamas Umgang mit Zorn wenn es die Milch mit Absicht auskippt. Das macht es nicht etwa, weil es uns ärgern will. Es sind echt nichts anderes als physikalische und psychologische Versuchsreihen, die das Kind hier startet um das Leben und die Menschen und  die Dinge immer besser kennen zu lernen.
Die Symbiose mit der Mama zu lösen ist die nächste große Aufgabe des Zweijährigen. Bis etwa zwei Jahre sieht sich das Kind als Teil der Mama. Es denkt noch nicht „ich“. Es hat das Gefühl, untrennbar zur Mama zu gehören. Im Trotzalter ändert sich das dann langsam. Nun fängt das Kind an, sich als eigenständige Person zu sehen. Das beinhaltet, dass es entdeckt, dass es selbst denken und entscheiden kann. An sich ist das ja eine wunderbare Entdeckung. Wir alle wollen, dass unsere Kinder genau das erlernen und in ihrem späteren Leben gut können: Selbst denken und selbst Entscheidungen treffen. Wie arm sind solche Menschen dran, die keine eigenen Entscheidungen treffen können, die sich von jeder Meinung aus dem Konzept bringen lassen! Und solche, die nicht mal selbst nachdenken, sind ganz arme Zeitgenossen. Das wünschen wir doch niemals für unsere Kinder!

Allerdings sind die Zweijährigen beim selber denken und Entscheiden noch in der Übungsphase. Das macht es für uns oft so schwer, mit ihnen  zu leben. Denn sie entscheiden nicht selten großen Blödsinn. Oder wenigstens Dinge, die in unseren Erwachsenenaugen niemals so funktionieren können. Das entdeckt das Zweijährige meist auch bald – und ist fürchterlich frustriert. Weil es merkt, dass selbst entscheiden eben nicht so einfach ist. Zu allem Unglück kommt dann oft noch die Mama und verbietet dem Kind, seine Entscheidung in die Tat umzusetzen. Wie tragisch! Ist es da ein Wunder, dass sich so manches Zweijährige total hilflos fühlt und sich wütend schreiend auf den Boden wirft?

Auch das Auseinandersetzen mit gesellschaftlichen Regeln und Formen ist die Aufgabe des Zweijährigen. (Jawohl, das klingt ähnlich wie bei unseren pubertierenden Kindern. Auch der Hintergrund ist ganz ähnlich. Auch unsere Pubertiere müssen sich „ablösen“ von den Eltern. Dann spielt sich das alles nur noch auf einem höheren Level ab. Jetzt, bei unserem Trotzköpfchen haben wir sozusagen als Eltern ein „Übungslevel“ zu absolvieren.) Die Kleinen lieben das Wort „NEIN“ und wenden es bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten an. Einfach, weil sie herausfinden wollen, inwieweit sie damit etwas anrichten können. Es fühlt sich sagenhaft toll an, selbst etwas bewegen zu können. Und der Kleine muss herausfinden, inwieweit er die Macht hat, selbst zu bestimmen. Es ist wichtig, dass er erlebt, dass er durchaus etwas bewegen kann und dass sein „nein“ nicht ungehört verhallt. Aber es ist genauso wichtig, dass er erlebt, dass sein „nein“ nicht zum despotischen Gesetz wird, sondern dass es durchaus auch Gelegenheiten gibt, wo die Eltern dieses „nein“ nicht akzeptieren. Das wird ihn frustrieren. Und er wird seinen Frust lautstark und vehement zum Ausdruck bringen. Und hier brauchen wir Eltern Kraft und gute Nerven! Hier durchzuhalten und den Frust unseres Kindes ertragen zu lernen dient durchaus einem guten Zweck: Wir helfen unserem Kind, Erfahrungen zu machen und zu lernen, gute Entscheidungen zu treffen.
Ebenso ist es die Aufgabe der Zweijährigen, Aufgaben selbst zu lösen. (Bsp. Essen besorgen: „Ich weiß selbst wo die Keksdose steht und kann die mir auch durchaus holen. Und das Öffnen krieg ich schließlich auch noch selber hin!!!“)
Zweijährige müssen erkennen, dass es in Ordnung ist, selbständige Wesen zu sein und dass wir Mamas Liebe und Zuwendung deswegen nicht verlieren. Und sie müssen lernen, dass es durchaus manchmal auch hilfreich sein kann, wenn einem jemand etwas abnimmt. „Aber Bitteschön doch nicht schon im Voraus, sondern erst, wenn ich selber erkannt habe, dass es so nicht funktioniert!“ Das ist für sie sehr wichtig und für uns als Eltern eine große Herausforderung!

Was nervt uns nun so an dem Trotzköpfchen?

  • Unsere Vorstellungen, Pläne und Ziele werden durchkreuzt. Früher war es so einfach: Wenn man irgendwo hin wollte, schnallte man das Kind in seinen Kindersitz und zog mit ihm los. Jetzt gibt es oft Geschrei und Gezeter, weil der kleine Kerl einfach nicht WILL!
  • Wir stehen auch manchmal ziemlich dumm da, es sieht aus, als hätten wir unser Kind nicht im Griff. Wenn der Kleine immer etwas Anderes will als ich, dann ist das einfach nervig und wird recht oft von der Umwelt als Schwäche oder Fehler der Eltern gesehen. Jeder, der Kinder in diesem Alter hat oder schon mal hatte kennt die Situation mit dem Trotzkind an der Supermarktkasse. Das fühlt sich nicht nur für den Kleinen bescheuert an! Für die Eltern ist das mindestens ebenso unangenehm!
  • Die Harmonie zwischen uns und unserem Kind ist gestört wenn es immer etwas anderes will als ich. Aber wie war das doch noch mal? Das Kind soll sich in diesem Alter ein Stück weit von den Eltern lösen?! Die enge Symbiose mit der Mutter soll aufgeweicht werden. So etwas geht mit Sicherheit nicht sanft und harmonisch von Statten!
  • Unsere Unsicherheit im Umgang mit diesem Trotzkind bedingt nun wiederum Auseinandersetzungen zwischen den Eltern. Beide (eigentlich alle drei) sind genervt. Man fühlt sich als Versager. Keiner von uns mag Streit und Geschrei. Aber in dieser Phase der Entwicklung gehört das nun mal ganz sehr dazu.

Was  also tun um diese Phase möglichst unbeschadet und mit dem größtmöglichsten Lernerfolg zu überstehen?

Zuerst möchte ich allen Eltern von Zweijährigen eine große Portion Gelassenheit verordnen. Ihr habt nichts falsch gemacht, wenn euer Kind plötzlich seinen eigenen Kopf durchzusetzen versucht. Das ist ganz einfach nun seine Aufgabe! Das Kind erklärt euch auch nicht wirklich den Krieg. Das sieht nur so aus, ist aber von Seiten des Kindes nicht so gemeint! Das Kind hat nun die Lektion „Symbiose lösen“ zu absolvieren und ihr tut gut daran, das mit allen Mitteln bestmöglich zu unterstützen.

Dabei darf man als Eltern aber auch einige Hilfsmittel anwenden. Zum Beispiel:
1. Vorausschauend planen: Ich sollte einen Zweijährigen (eigentlich kein Kind, egal wie alt es ist) nicht ohne genügend zeitige Vorwarnung von seinem Spiel oder anderen wichtigen Aufgaben wegholen. Auch sollte ich gut prüfen, ob der Kleine jetzt vielleicht müde oder kränklich ist, bevor ich ihn z.B. mit zum Einkaufen nehme. Wenn ein Kind nicht gut drauf ist, dann ist es besonders schwierig zu „handhaben“.  Das sollte ich mit bedenken. Dann kann ich schwierige Situationen  oft schon von vornherein umgehen.

2. Akzeptieren, dass das Kind keine Puppe ist, sondern eine eigenständige Persönlichkeit!: Ein kleines Baby wird noch vieles einfach mit sich geschehen lassen. Inzwischen ist unser Kind aber zu einem willensstarken Zweijährigen herangereift. Das sollte ich akzeptieren. Wenn der Kleine versucht, seine eigenen Ideen durchzusetzen, dann tut er genau das, was in diesem Alter seine Aufgabe ist, auch wenn die Art und Weise der Durchführung noch durchaus Potential zur Optimierung hat.

3. Das Kind bei Bedarf lieber aus der Schusslinie nehmen anstatt lange zu diskutieren. Wenn sich ein Kind zornig schreiend auf dem Boden wälzt, dann ist jedes Wort zu viel. Dann kommen Worte beim Kind nicht an. In einer solchen Situation ist es sinnvoller, sich das Kind „unter den Arm zu klemmen“ und aus der Situation weg zu tragen. In Bezug auf dumme Kommentare oder genervte Blicke netter Mitmenschen sollte man sich als Eltern eines Zweijährigen ein Dickes Fell zulegen.

4. Wenn ich als Mutter darauf angewiesen bin, dass mich mein Kind liebt, um mich als gute Mutter zu fühlen, dann habe ich schon verloren!
Ich muss Disharmonie aushalten können, sonst kann ich keine gute Mutter sein. Ich bin die, mit der größeren Lebenserfahrung, die mit dem Weitblick. Das sollte ich bedenken und mir deswegen durchaus trauen, mich meinem Kind entgegen zu stellen. Ich muss das nicht bei jedem kleinen Anlass tun, aber es gibt durchaus Situationen, in denen ich mich meinem Kind entgegen stellen MUSS, damit es selbst und Andere keinen Schaden leiden. (Vor einigen Jahren ging eine Geschichte durch die Presse: Da fuhr eine Mutter an einem Oktobermorgen mit dem Fahrrad durch eine deutsche Großstadt und wurde von der Polizei gestoppt, weil sie auf dem Kindersitz ihres Rades ein nacktes(!!!) Kleinkind transportierte. Die Mutter meinte, das Kind habe sich partout nicht anziehen lassen, sie müsse es aber in die Kita bringen und habe die Persönlichkeitsrechte ihres Kindes gewahrt und seine Entscheidung akzeptiert, sich eben nicht anzuziehen…)
Mein Wert liegt in mir, nicht in der Anerkennung meines Kindes! Ich sollte in der Lage sein, auch den Missmut meines Kindes auszuhalten wenn ich der festen Überzeugung bin, dass dessen Entscheidung so nicht tragbar ist.
ICH bin der Chef!!! Das muss mein Kind akzeptieren (aber ich auch). Ich sollte ein guter Chef sein! Ein guter Chef akzeptiert die Grenzen seiner „Untergebenen“. Aber er setzt auch zielstrebig alles das durch, was er für richtig hält.

5. Ich sollte wenige, aber klare Ansagen machen und die auch durchsetzen. Bitte vorher gut überlegen, ob ich das auch durchsetzen kann an dieser Stelle, in diesem Umfeld und mit diesem Kind! Meistens ist es besser, das Kind aus der Situation zu tragen als eine lange Diskussion anzufangen. Aber an einigen wenigen Stellen ist es gut und richtig, sich auf einen Machtkampf einzulassen und diesen dann auch zu gewinnen!

6. Ich darf mir Weisheit und Liebe für dieses Kind jeden Tag neu von Gott erbitten. Ich bin nicht allein mit dieser Aufgabe, ich darf mir Hilfe „von höchster Stelle“ holen.

7.Unser Trotzkopf fordert uns als Paar heraus, miteinander zu reden, konstruktiv streiten zu lernen, sich nicht gegenseitig die Schuld in die Schuhe zu schieben, sondern zu lernen, miteinander am gleichen Projekt zu arbeiten! Das ist auch immer wieder neu eine Aufgabe für Eltern. Und macht euch keine Sorgen: Diese Aufgabe bleibt, so lange wir miteinander Kinder erziehen. Von zwei Elternteilen hat jeder eine andere Prägung und somit auch oftmals eine andere Sicht auf bestimmte Dinge. Für unsere Kinder ist das eine absolute Bereicherung, denn wenn sich die Eltern erst einmal einig werden müssen, was wirklich wichtig ist, dann wird die Erziehung des Kindes wahrscheinlich in einem guten Mittelmaß verlaufen. Dann ist die Gefahr, dass wir ein falsches Ziel verfolgen wesentlich geringer.

Alles in Allem sind die Zweijährigen ein sehr herziges, interessantes Völkchen. Und es ist ein Vorrecht, ein solches Kind prägen und begleiten zu dürfen. Ich wünsche Jedem, der gerade an dieser Aufgabe arbeitet viel Gelassenheit und Weisheit und eine große Portion Liebe und Verständnis für diese so ganz besondere Spezies.