Kindergarten – wie wichtig ist er für unsere Kinder?


IMG_2519Man hat heute das Gefühl, dass aus einem Kind ohne Kindergartenbesuch nichts werden kann. Zumindest wird uns das so suggeriert. Für viele Kinder ist auch der Besuch des Kindergartens etwas sehr Schönes und viele von den heutigen Müttern erinnern sich noch gern an ihre eigene Kindergartenzeit. Und wenn ein Kind gern in den Kindergarten geht, dann ist ja alles gut.

Was aber machen wir mit solchen Kindern, die keine Freude am Besuch eines Kindergartens finden? Muss man diese Kinder zwingen? Verwehrt man solch einem Kind eine wichtige Erfahrung, wenn man ihnen den Kindergarten erspart?

Dann lasst uns doch erst einmal schauen, zu welchem Zweck der Kindergarten erfunden wurde.

Im 18. Jahrhundert löste sich durch die zunehmende Industrialisierung und die damit zusammen hängende „Landflucht“ der Bevölkerung die Großfamilie langsam auf. Bis dahin wurden die Kinder in den Großfamilien gut betreut, auch wenn die Mütter ebenfalls den ganzen Tag mit der Nahrungsbeschaffung für die Familie beschäftigt waren.

Nun gab es plötzlich keine Großeltern, Onkels, Tanten usw. mehr in erreichbarer Nähe, die Mütter arbeiteten in Fabriken und nicht mehr auf dem eigenen Hof und damit die Kinder in den Städten nicht unbeaufsichtigt sein mussten, entstanden Kinderverwahranstalten.  Der Name sagt es schon: Dort wurden die Kinder „verwahrt“, solange die Eltern sie nicht selbst betreuen konnten.

Um 1840 gründete Friedrich Wilhelm August Fröbel den ersten deutschen Kindergarten in Bad Blankenburg. Er hob damals den Bildungsauftrag in den Vordergrund. Sein Anliegen war es, die Kinder in ihren motorischen Fähigkeiten zu schulen. Das sollte eigentlich ein Angebot für Eltern mit ihren Kindern sein. Er wollte die Eltern animieren, mit ihren Kindern bestimmte, die Konzentration und Motorik fördernde Spiele zu machen und erfand dafür bestimmte Spielzeuge. Da das zu Hause aber nicht so klappte wie er sich das vorstellte, (die Eltern nahmen das nicht so gut an) gründete er einen Kindergarten, in dem dann dieses Konzept angewandt wurde. Auf Fröbel ist auch die Bezeichnung Kindergarten zurück zu führen. Er wünschte sich, dass die Kinder dort wachsen und gedeihen, wie Pflänzchen in einem Garten.

Der Kindergarten war also ein Ersatz für die Betreuung in der Familie, bzw. ein zusätzliches Angebot zur familiären Kinderbetreuung.

Heute hat sich der Besuch des Kindergartens für alle Kinder spätestens ab drei Jahren so eingebürgert, dass man das als gänzlich normal ansieht. Das liegt daran, dass viele Mütter meist um diese Zeit wieder berufstätig sind und daran, dass es heute nur noch wenige Familien mit mehr als zwei Kindern gibt. Dadurch sind gefühlt alle Kinder vormittags im Kindergarten und die öffentlichen Spielplätze sind um diese Zeit völlig verwaist.

Dabei können sich auch heute Mütter und Väter durchaus noch Schöneres vorstellen, als die Wochentage im Kindergarten zu verbringen. Nicht umsonst beschleicht uns alle ein wohliges Gefühl wenn wir solche Geschichten lesen wie zum Beispiel „Die Kinder von Bullerbü“ von Astrid Lindgren. Dabei meinen wir oft, dass solch eine Idylle heute und hier bei uns nicht mehr möglich ist. Ein klein wenig stimmt das schon, aber bleibt dann der Kindergarten die einzige Alternative?

Ich glaube nicht. Ich bin überzeugt, dass ein Kind auch durchaus ohne den Besuch eines Kindergartens schulreif werden und fröhlich aufwachsen kann. Nur muss man dann als Eltern diesem Kind heute mit etwas mehr Mühe die Möglichkeit verschaffen, andere Kinder zu treffen um mit ihnen zu spielen und zu streiten. Heute trifft man diese Kinder nicht mehr einfach auf der Straße, wie vor 40 Jahren noch.

Das erste Mal stellt sich die Frage nach dem Besuch einer Einrichtung meist, wenn das Kind ein Jahr alt wird. Dann ist nämlich die bezahlte Elternzeit zu Ende und der Arbeitgeber hätte die Mutter gern wieder. So überlegen viele Mütter, ob es ihrem Kind gut tut, nun schon von ihr getrennt und in einer Kindertagesstätte tagsüber betreut zu werden.

Hier streiten sich die Gelehrten: Die einen sagen, die frühkindliche Bildung sei am Besten in einer öffentlichen Kindereinrichtung gewährleistet (siehe Fröbel und seine Idee des Kindergartens), die anderen sagen, in diesem Alter brauche das Kind noch keine außerhäusliche Bildung. Das, was das Kind in dem Alter bis drei Jahren brauche, sei als erstes Bindung. Und diese bekommt es am besten bei der Mutter oder auch bei Vater oder Oma/Opa, also einer dem Kind vertrauten Person.

Dieser Ansicht bin ich auch. Die Idee mit der frühkindlichen Bildung riecht mir zu sehr nach den Interessen der Industrie frisiert. Aber wie dem auch sei, ich möchte hier keine Expertenmeinung widerlegen.

Ich möchte die echten Experten bestärken. Wer könnte für sein eigenes Kind der bessere Experte sein als die eigene Mutter? Eine Mutter hat einen siebten Sinn für ihr Kind und weiß tief in sich drin, was diesem Kind gut tut und was nicht. Sie weiß, was dieses Kind braucht, egal was irgendwelche „Experten“ sagen. Eine Mutter fühlt tief in sich, was sie ihrem Kind zumuten kann und was nicht. Und wenn sich eine Mutter nach reiflicher Überlegung dafür entscheidet, ihr Kind tagsüber oder stundenweise in eine Betreuungseinrichtung zu geben, dann sollte sie das aus voller Überzeugung darüber tun, dass diese Entscheidung in diesem Falle das Beste für die kleine Familie ist – oder wenigstens das kleinste Übel. Wenn die Mama ihr Kind mit blutendem Herzen und nicht aus Überzeugung morgens abgibt, dann ist das für das Kind sehr schlimm, denn es weiß genau, was die Mama fühlt. Es war neun Monate in der Mama drin. Man kann dem Kind in dieser Beziehung nichts vormachen. Für das Kind ist es sehr wichtig, dass die Mama von dem, was sie mit ihm tut, fest überzeugt ist. Dann wird das Kind vermutlich auch ziemlich zufrieden sein und sich in seiner Haut wohlfühlen.

Hat die Mama aber die Möglichkeit und Muße, ihr Kind noch nicht unter drei Jahren fremdbetreuen zu lassen, dann möchte ich sie ermutigen, das zu tun. Für Kinder unter drei ist es noch nicht wichtig, Freunde zu finden. Sie beobachten zwar gern andere Kinder und finden das toll, aber sie hätten in diesem Alter schon gern noch die Sicherheit, dass die Mama verfügbar ist. Freundschaften knüpfen Kinder erst ab etwa drei Jahren. Bis dahin binden sie sich lieber an einen Erwachsenen. Hat man eine liebe Tagesmutter oder eine freundliche Erzieherin gefunden, kann das für das Kind durchaus genügen. Das kommt dann auf das Kind an, wie belastbar es ist und auf die Mutter. Denn eine Mama, die zu Hause versauert und deswegen das Gefühl hat, am falschen Platz zu sein, tut dem Kind auch nicht unbedingt gut. Deswegen sollte hier jeder für sich – und wirklich FÜR SICH – entscheiden. Eine Entscheidung, die auf Druck der Umwelt hin gefällt wurde, ist selten eine gute Entscheidung. Das wovon ich fest überzeugt bin, vertrete ich auch dann, wenn es nicht die optimale Lösung ist, aber für uns und in unserer Situation die beste Lösung.

Wenn das Kind dann drei Jahre alt wird, steht die Frage nach dem Kindergarten noch einmal. Die meisten Kinder sind mit drei oder vier Jahren definitiv bereit, eine längere Zeit mit anderen Kindern und ohne Mama fröhlich zu sein. In diesem Alter fängt man an, Freundschaften mit anderen, gleichaltrigen Kindern zu knüpfen. Auch ist man in diesem Alter durchaus dazu in der Lage, ein paar Stunden ohne Mama auszukommen. Deswegen ist der Kindergarten für die meisten Kinder eine echte Bereicherung.

Was aber, wenn sich mein Kind mit drei Jahren auch noch nicht gern von der Mama weg in eine neue Welt traut? Soll ich es dann zwingen?

Das kommt immer auf die Situation der Familie an. Wenn die Mama um diese Zeit wieder arbeiten gehen muss, gibt es oft keine andere Alternative und dann muss man nach Mitteln und Wegen suchen, dem Kind den Eintritt in den Kindergarten so leicht wie nur möglich zu machen.

Sollte es aber die Möglichkeit geben, einem solchen Kind noch mehr Zeit zu Hause zu gönnen, dann möchte ich die Eltern ermutigen, diesem Kind diese Zeit zu geben. Oftmals sieht es nämlich nach einem halben oder ganzen Jahr schon ganz anders aus. Unsere Kinder wachsen nach ihrem eigenen Muster, der eine schneller und der andere langsamer. Gesunde Kinder machen aber früher oder später alle bestimmte Entwicklungssprünge. So wie sie nahezu von ganz allein lernen, sich aufzurichten und zu laufen, so werden sie auch irgendwann von ganz allein in der Lage sein, ohne Mama mit anderen Kindern fröhlich zu sein.

Wohl dem Kind, dessen Eltern die Zeit und Geduld haben, ganz nach seinen persönlichen Bedürfnissen zu entscheiden!

Einige wenige Kinder sind wahrscheinlich auch „Einzelgänger“. Sie werden vielleicht nie große Freude daran finden, sich in größeren Gruppen aufzuhalten. Meist finden man diese „Eigenart“ auch bei einem Eltern- oder Großelternteil. Solche Kinder brauchen oft nur sehr wenig Freunde und wenig Trubel. Auch in der Schulzeit sind diese Kinder dann oft genervt davon, dass sie den gesamten Vormittag in einer solchen Meute verbringen müssen. Aber in diesem Alter sind die Kinder schon wesentlich stabiler und können auch solche Situationen überstehen, selbst wenn sie sich das so nicht aussuchen würden.

Wichtig ist, dass man spätestens ab dem Kindergartenalter dem Kind die Möglichkeit bietet, andere Kinder zu treffen. Das muss nicht zwingend im Kindergarten geschehen. Es gibt heute sehr viele Möglichkeiten, ein Kind in die „Welt“ einzuführen. Seien es Sport- oder Musikgruppen, Kindergottesdienste oder auch, dass man als Mama regelmäßig befreundete Mütter mit Kindern im gleichen Alter zu sich einlädt oder auch besucht. In einer Familie mit mehreren Kindern ist der Kontakt zu anderen Kindern natürlicherweise gegeben. (Dass ich auf solch große Familien stehe, das dürfte hier ja keinen verwundern…)

Zusammenfassend möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass nicht das Alter des Kindes entscheiden sollte, wann und ob es eine Kindereinrichtung besucht, sondern die persönliche Reife des Kindes und ganz sehr das Gefühl der Eltern. Lasst euch nicht irre machen! Ihr seid die Fachleute für eure Kinder und ihr wisst tief in euch drin, was diesem Kind gut tut und was nicht!

3 thoughts on “Kindergarten – wie wichtig ist er für unsere Kinder?”

  1. Hallo liebe Mechthild,
    besten Dank für den Kindergartenbeitrag…
    Falls du deine email (die SPITZE war) an mich veröffentlichen willst, als ganz individuellen Ratschlag an eine hilfesuchende Mutter;)- ich gebe dir hiermit die Erlaubnis:)))
    Wir sind MEGAGLÜCKLICH mit unserer Entscheidung…
    Dir eine gesegnete neue Woche!
    Bis hoffentlich zum 30. in M.s Wohnzimmer,
    Mechthild aus T.

  2. Vielen Dank für den ausführlichen Beitrag. Neulich habe ich meinen Sohn zum Kindergarten gebracht und plötzlich kam mir der Gedanke bzw. die Frage, woher die Idee kam und welchen Zweck ein Kindergarten hat. Es ist interessant zu wissen, dass diese Geschichte bis in das 18. Jahrhundert reicht. Glücklicherweise bin ich auf euren Artikel gestoßen.

  3. Hätte ich diesen Artikel doch schon vor 2 Jahren gelesen…

    Mein Sohn ist jetzt 5, ist immer noch kein überzeugter „Kindergarten Geher“ und ich stelle mir so oft die Frage, warum alle Welt denkt, dass es für ein Kind so unglaublich wichtig ist, dort hinzugehen. Mein Sohn ist ein toller Kerl, lustig, fröhlich, wild, klug, liebevoll und ganz schön frech. All diese Seiten zeigt er aber nur wenn er sich sicher und wohl fühlt. Im Kindergarten geht er bis heute nicht in die Spielecken, nennt 2 von 25 Kindern seine Freunde und bleibt immer lieber zuhause wenn er die Wahl hat. Seit seine Schwester (3) dieses Jahr nun mit zum KiGa geht, ist er entspannter, aber seine Leidenschaft wird es auch im letzten Jahr vor der Schule nicht werden.

    Wir haben unseren eigenen Weg gefunden, buchen nur die Mindestzeit von 9 – 12:30, nehmen uns den Freitag immer frei und finden viele Gründe, unseren Vormittag lieber gemütlich, als mit dem Weg zum KiGa zu starten. Dennoch habe ich meinen Sohn nie ganz abgemeldet weil ich ihm die Möglichkeit bieten wollte, dass er sich auch in eine große Gruppe einfinden und er sich mit späteren Klassenkameraden anfreunden kann. Aber: mein größter Fehler in der Erziehung war definitiv, ihn mit 3 Jahren in den KiGa zu schicken auch aufgrund vieler Argumente von außen und der allgemeinen Meinung, dass dies für ein Kind so wichtig ist. Ich hätte ihm und mir viele Tränen und Sorgen ersparen und mehr Qualitätszeit mit meinen Kindern genießen können. Meinen jüngsten Sohn (4 Monate) werde ich wohl erst mit 4 Jahren anmelden damit sein KiGa Start nicht mit dem Schulstart der Schwester zusammen fällt. Es wird uns allen gut tun und das ist das Einzige was zählt!

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