Sauber werden…

 

IMG_4681Früher war alles besser! 😉 Früher setzte man die Kinder schon ab dem achten Monat auf das Töpfchen und mit einem Jahr bekamen sie in der Krippe keine Windel mehr, sondern man holte nachmittags das Kind ab und bekam alle nassen Schlüpferchen und Strumpfhosen mit nach Hause. Das konnten schon gern mal 5-6 Stück werden. Je nachdem, wie schnell das Kind seine Ausscheidungen zu den Zeiten loszulassen lernte, die in der Krippe Töpfchenzeiten waren. Die Mütter, die ihre Kinder zu Hause betreuten, fühlten sich ebenso der Sauberkeitserziehung verpflichtet und stellten sich nicht selten den Kurzzeitwecker, um das Kind stündlich auf den Topf zu zwingen, damit es möglichst bald „sauber“ ist. Irgendwie war das damals ein Statussymbol, ein Zeichen dafür, dass man als Mutter alles richtig macht. Die Generation der heutigen Omas kennt das noch so und war schließlich auf heilfroh, wenn sie endlich keine Windeln mehr waschen musste. Damals gab es nur Stoffwindeln und keine Wegwerf-Einlagen dafür. Hatte das Kind ein großes Geschäft in die Windel gemacht, so musste man diese Windel erst gründlich ausspülen. Dann kamen die Windeln in den Windeleimer. Dieser war mit Wasser gefüllt, darin weichte man die Windeln ein. Nach spätestens einem Tag roch der allerdings etwas streng. Dann wurde es Zeit, die Windeln alle auszuspülen und in die Waschmaschine zu befördert. Die Generation davor hatte noch keine Waschmaschine, da gab es den Windeltopf, einen großen Topf, in dem die Windeln auf dem Herd gekocht wurden. Also: Es war mühsam, das Geschäft mit dem Inkontinenzmaterial.

Wen wundert es, dass die Mütter damals viel Mühe darauf richteten, dem Kind beizubringen, seine Ausscheidungen zu kontrollieren?!

Heute haben wir Pampers und Co. Damit entfällt das ausspülen, einweichen und waschen. Wer mit Stoffwindeln wickelt, der hat nette kleine Einlagen, die man mitsamt Feststoffen aus der Windel nimmt und separat entsorgt, bevor die Windel in die Waschmaschine (die meist sogar mit einem extra Programm für die Windeln ausgestattet ist) wandert. Es ist also alles viel einfacher zu ertragen und der Drang, das Kind „sauber“ zu kriegen, ist bei den Müttern nicht mehr so groß.

Deswegen können wir heute unseren Kindern getrost alle Zeit lassen, die sie benötigen.

Schauen wir doch mal, was die Fachleute dazu sagen:

Es heißt, dass es erst behandlungsbedürftig ist, wenn ein Kind mit fünf(!!) Jahren seine Ausscheidungen noch nicht sicher beherrscht.

Als erstes lernen Kinder, zur gewünschten Zeit los zu lassen. Schon das ist ein großer Erfolg. Das kann man vielen Kindern schon recht zeitig antrainieren. Zum Beispiel, wenn man das Kind windelfrei erzieht. Dann wird das Kind regelmäßig abgehalten und lernt schnell, dass es in diesem Moment Blase und Darm entspannen darf. Das machte sich auch die vorige Generation zu Nutze, indem sie ihre Kinder schon zeitig regelmäßig aufs Töpfchen setzte. In den meisten Fällen klappte das auch. Allerdings gab es auch immer wieder einige resistente Fälle, die dann mit Zwang und/oder Resignation „behandelt“ wurden.

Mit etwa zwei Jahren sind einige Kinder bereits soweit, dass sie den Inhalt von Blase und Darm auch eine Weile zurückhalten können. Das ist nicht so einfach, selbst wir Erwachsenen kennen das ungute Gefühl, wenn man muss und nicht darf. Wir schaffen es meistens bis zur nächsten Toilette, unsere Kleinen können das nicht. Wenn sie uns mitteilen, dass sie müssen, dann müssen sie auch und kurz darauf läuft es. Wenn sich nicht sofort eine Toilette in unmittelbar erreichbarer Nähe findet, dann ist die Hose nass.

Mit zunehmender Entwicklung der Feinmotorik sind unsere Kleinen auch irgendwann in der Lage, selbst zur Toilette zu eilen, sich die Hosen selbstständig auszuziehen und ihr Geschäft in die Toilette zu verrichten. Das funktioniert selten, bevor das Kind nicht mindestens drei Jahre alt ist. Und das funktioniert dann noch längst nicht jedes Mal!

Erschwerend kommt dazu, dass unsere Kinder, wenn sie gerade lernen, sauber zu werden, mitten im Trotzalter sind. Sie lernen in dieser Zeit gerade, dass sie selbstbestimmt leben können. Dabei ist dann schon mal schwer zu verstehen, dass ich „muss, wenn ich gerade muss“ und dass ich das nicht wirklich ganz nach Lust und Laune entscheiden kann. Wie so vieles in diesem Alter.

Es kann auch sein, dass mein Kind das Töpfchen rigoros ablehnt. Warum sollte es auch als Einziger in der Familie auf diesem Töpfchen sitzen? Alle anderen gehen schließlich auch nicht auf einen Topf. Da es heutzutage Kindersitze in allen Formen und Farben für Toiletten gibt, ist das kein Problem. Gerne darf das Kind auch „wie die Großen“ auf die „echte“ Toilette gehen.

Auch hier gilt: Bitte nicht zwingen! Anbieten gern, aber wenn das Kind nicht will, dann ist es noch nicht bereit dafür, dann darf Mama eben erst einmal noch vier Wochen lang Windeln kaufen, bevor sie es neu probiert.

Auch sollten wir uns in die Logik unseres Kindes einfühlen: Wenn die Mama fragt, bevor sie mit dem Kleinen auf den Spielplatz geht: „Musst du noch einmal auf die Toilette gehen?“, dann wird der Kleine nicht selten inbrünstig verneinen um dann, kaum auf dem Spielplatz angekommen, in die Hosen zu pullern. Das tut er nicht um die Mama zu ärgern. Er versteht: ‚Möchtest du nicht lieber vorher nochmal auf die Toilette gehen?‘ Natürlich möchte er das nicht, er möchte jetzt mit Mama auf den Spielplatz, so schnell wie möglich! Dass ihm dann seine volle Blase den ganzen Spaß verdirbt, dass kann er noch nicht absehen.  Also sollte die Mama solche Sachen voraus sehen und den Gang auf den Spielplatz daran knüpfen, dass vorher noch einmal die Toilette aufgesucht wird.

Unsere Kinder brauchen ein klein wenig Unterstützung um ihren Darm und ihre Blase beherrschen zu lernen, aber sie lernen es ohne Druck wenn man ihnen die nötige Zeit und Gelegenheit dazu gibt.

Im Sommer bietet es sich an, das Kind, sobald es laufen kann, ohne Höschen im Garten rennen zu lassen. Dann kann es selbst erleben, wie es sich anfühlt, wenn da etwas aus ihm heraus kommt. Dann kann man das Kind ermutigen, an ein bestimmtes Bäumchen zu gehen wenn es pullern muss. Das alles hilft dem Kind, seine Blase kontrollieren zu lernen. Und als Mama sollte man eine große Portion Gelassenheit mitbringen. Auch wenn ein Kind mit drei Jahren noch Windeln benötigt, ist das kein Makel. Vielleicht hat der Kleine gerade gelernt zu malen oder Rad zu fahren oder irgend etwas, was ein anderes Kind in diesem Alter noch nicht kann. Alles kann man nicht gleichzeitig können. Mit vier Jahren können die Kinder normalerweise ihre Ausscheidungen kontrollieren.  Am Tag eher als in der Nacht, aber auch das funktioniert meist von ganz allein. Die Drei- bis Vierjährigen kann man auch mit kleinen Belohnungen locken. Wir haben einmal an einen kleinen, knapp 4jährigen Cousin das Töpfchen meines Kindes weiter verschenkt. Mein Sohn und ich haben ihm einen Brief geschrieben, dass wir dieses nun nicht mehr benötigen, da sein ebenso alter Cousin neuerdings die Toilette nutzt. Dann haben wir alles in ein Paket gepackt, zusammen mit zwei Tüten, eine war beschriftet mit: „Für kleine Geschäfte“. Darin befanden sich kleine Süßigkeiten, von denen sich der Cousin jedesmal eins nehmen durfte, wenn es ihm gelungen war, in das Töpfchen zu pullern. Auf der anderen Tüte stand: „Für große Geschäfte“. Darin waren kleine Geschenke, wie man sie zu Kindergeburtstagen als Preise bekommt. Da durfte sich der Kleine jedes Mal eins aussuchen, wenn er ein großes Geschäft in den Topf gemacht hatte. Es dauerte keine 2 Wochen und der Cousin hatte diese Aufgabe gelernt und benötigte keine Windel mehr.

Sollte ein Kind mit fünf Jahren noch nicht sicher „trocken“ sein, dann ist ein Gang zum Kinderarzt angesagt, der an dieser Stelle viele gute Möglichkeiten zu bieten hat. Bis dahin muss sich aber keine Mama Gedanken machen, dass ihr Kind vielleicht ein Problem haben könnte.

Unsere Kinder haben alle das Laufen gelernt. Der eine eher, der andere später, aber letztlich lernt jedes gesunde Kind, sich auf seinen eigenen Beinchen fortzubewegen. Ebenso ist das auch mit der Beherrschung von Darm und Blase. Unsere Kinder lernen es von ganz allein – wenn sie denn die Gelegenheit dazu bekommen. Wenn ich mein Kind den ganzen Tagelang in seinem Kindersitz festschnalle, dann kann es nicht üben, laufen zu lernen.

Genauso ist das auch mit dem sauber werden: Wenn ich dem Kind immer wieder Windeln anziehe, kann es nur schwer erleben, wie sich das anfühlt wenn man pullert. Das Kind braucht also auch die Gelegenheit, dass es „in die Hose geht“.  Und natürlich sollte es sehen dürfen, wie die anderen Familienmitglieder dieses Problem lösen. Unsere Kinder lernen durch Nachahmen.

Ebenso wenig wie mein Kind mit einem halben Jahr schon Laufen lernt wenn ich es mit ihm immer wieder übe, hilft frühes Töpfchentraining dazu, dass das Kind schneller „sauber“ wird.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen eine große Portion Gelassenheit und Humor und ein gutes Händchen um euren Kindern an der richtigen Stelle Gelegenheit zum Üben zu lassen.