Der kleine Trotzkopf

Medion   DIGITAL CAMERA

Ein Zweijähriges ist oft viel anstrengender als ein kleines Baby. Das Baby kann noch nicht sprechen, es kann und noch nicht sagen was es braucht, aber meistens reagiert es doch ganz gut auf unsere Zuwendung. Es lässt sich von uns relativ gut leiten. Das ist bei einem echten Zweijährigen ungleich schwieriger. Er hat nämlich inzwischen schon entdeckt, dass er eigene Ideen hat und dass man auch durchaus versuchen kann, diese mit allen Mitteln durchzusetzen.

Jemand sagte einmal: Das größte Geschenk Gottes an einen Zweijährigen ist das Wörtchen „NEIN“. Dieses Wort benutzt der kleine Kerl zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Und wir stehen daneben, haben noch so viele Termine im Hinterkopf und ärgern uns, dass wir solch sinnlose Diskussionen mit dem kleinen Kerl führen.

Aber es ist auch eine tolle Aufgabe und Herausforderung, einem solchen kleinen Menschen bei seiner Charakterbildung zu helfen. Und wenn ich es aus dieser Perspektive sehe, dann kann ich vielleicht auch die Wichtigkeit meiner Termine etwas weiter nach hinten schieben.

Im Alter von etwa 15 Monaten beginnt unser Kind, Experimente im Fach Physik zu machen. Es erforscht zum Beispiel, was passiert, wenn Milch in kleinen Tröpfchen am Tischbein (alternativ an Mamas Bein) hinunter läuft und sich unten dann in einem kleinen Milchsee sammelt. Auch ergründet es, wie lange eine Löffel Brei oder Joghurt o.Ä. braucht, wenn man ihn nicht in den Mund steckt, sondern über dem Fußboden abkippt. Auch lernt das Kind dabei, welche Formen solch ein Breiklecks dabei annehmen kann. Das ist gelebte Physik!

Das nächste Fach, in dem sich unser Kind bildet, ist Psychologie und Lebenskunde. Mit etwa zwei Jahren wird unser Kind immer noch (oder wieder) seine Physikexperimente durchführen. Nun legt es seinen Fokus aber nicht mehr darauf, was der Breiklecks auf dem Boden macht, sondern was dieser bei Mama auslöst. Es beobachtet dabei Mamas Gesicht. Und es lernt einiges über Mamas Umgang mit unvorhergesehenen Ereignissen und eventuell auch über ihren Umgang mit Zorn. Das kann man als so ein kleiner Mensch auf vielfältige Weise erproben. Zum Beispiel auch, indem man immer wieder und wieder zur Steckdose läuft (oder krabbelt) und so tut, als würde man da sein Fingerchen hinein stecken. Die Reaktion der Erwachsenen wird (wirklich?) immer wieder die Gleiche sein. Sie springen auf, rufen „Nein!“ und tragen einen da weg. Welch ein schönes Spiel! Und dann wundern sich die Großen, dass des Sprösslings Lieblingswort das Wort „nein“ ist!

Zweijährige können schon anstrengend sein! Dabei tun sie nichts anderes, als ihre Aufgaben zu erfüllen. Die Aufgaben des Zweijährigen sind nämlich:

  1. Die Symbiose mit der Mama lösen. Das Kind war lange in Mamas Bauch, dann eine lange Zeit noch völlig von ihr abhängig. Nun soll es langsam selbständig werden und auch mal ohne die Mama zurecht kommen. Gut wenn man dafür einen Papa hat, der einem fast so nahe steht wie die Mama, mit dem man sich aber auch mal von der Mama weg trauen kann und mit ihm Abenteuer erleben. Sobald das Zweijährige müde wird oder sich verletzt hat, wird es gern wieder zur Mama zurück kehren und braucht immer noch viel Geborgenheit in Mamas Armen.
  2. Selbst denken lernen. Bisher hat Mama für das Kleine gedacht und gesorgt. Nun entdeckt das Kind, dass es auch selbst Ideen hat und es merkt, dass man diesen Ideen mit Geschrei und notfalls mit laut geäußerter Wut Nachdruck verleihen kann.
  3. Lernen, selbst Aufgaben zu lösen, mir selbst zu helfen. Zweijährige wissen oft ganz genau wo die Keksdose steht und haben Mittel und Wege, an diese heran zu kommen, auch wenn sie im Küchenschrank ganz oben geparkt ist. Ein Verbot, die Keksdose anzurühren ist dabei für unsere Zweijährigen kein Hindernis. Im Gegenteil, man hat den Eindruck, dass sie ein solches vielleicht gerade herausfordert uns zu beweisen, dass sie DOCH an die Keksdose heran kommen.
  4. Die Aufgabe der Zweijährigen ist es also, zu erkennen, dass es in Ordnung ist, selbständige Wesen zu werden und zu sein und dass sie dadurch Mamas Liebe und Zuwendung nicht verlieren.

Was macht nun das Zusammenleben mit diesen wunderbaren kleinen Entdeckern oft so anstrengend?

Zum Einen, dass unsere Vorstellungen, Pläne und Ziele von diesem kleinen Wesen sehr oft durchkreuzt werden. Seine Ziele sind nicht die unseren und umgekehrt. Das ruft durchaus Konflikte hervor. Dadurch ist wiederum oftmals die Harmonie zwischen uns und unserem Kind gestört. Und wer will das schon? Wir hätten es gern immer harmonisch und ein braves, gehorsames Kind. Dazu kommt noch, dass uns dieser kleine Wüterich in der Öffentlichkeit manchmal ganz schön dumm dastehen lässt, wenn er wieder einmal nicht so will wie wir wollen. (Die bohrenden Blicke unserer lieben Mitmenschen im Rücken kennt jeder, der schon einmal mit einem bereits etwas erschöpften Zweijährigen an der Kasse des Supermarkts mit diesem Diskussionen geführt hat.) Und unsere eigene Unsicherheit im Umgang mit diesem eben noch süßen, kleinen, hilflosen Babys, das da, quasi über Nacht, zum feuerspeienden Drachen mutiert ist, zieht nicht selten Konflikte mit unseren nächsten Angehörigen nach sich. So mancher Streit entspinnt sich zwischen Mama und Papa wenn sie, beide genervt vom allgemeinen Tagewerk, nun auch noch mit dem permanenten „NEIN“ ihres Sprösslings umgehen müssen.

Wie überlebt man nun diese Phase als Eltern eines Trotzköpfchens?

Als erstes sollte ich meinen (unseren) Tagesablauf vorausschauend planen. Das bedeutet, dass ich von vornherein einplane, dass ich mit einem Kleinkind nur einen Bruchteil der Termine schaffen kann, die ich sonst allein abarbeiten würde. Ich darf mir also meinen Tag nicht so sehr voll packen. Außerdem ist es hilfreich, den Großeinkauf in eine Zeit zu legen, in der sowohl ich, als auch mein Kind, ausgeschlafen und gelassen sind. Dann ist schon mal das Konfliktpotential wesentlich geringer.  Ich muss also akzeptieren, dass mein Kind eine eigenständige Persönlichkeit ist, die beachtet und respektiert werden muss.

Oft hilft es auch, das Kind einfach vorausschauend aus der Schusslinie zu nehmen wenn ich merke, dass ein Wutausbruch droht. Besonders in „sehr braven“ Großfamilien ist so etwas sehr empfehlenswert. Ich muss mich und mein Kind nicht der Bewertung aller Verwandten aussetzen. Ich kann weitgehend dafür sorgen, dass diese von einem Trotzanfall meines Kindes nichts oder kaum etwas mitbekommen. Sollte das nicht funktionieren, dann hilft es, wenn ich mir ein dickes Fell zulege. Dieses dicke Fell ist ohnehin sehr nützlich im Umgang mit meinem Kind. Ich muss nämlich lernen, Disharmonie zu ertragen. Wenn Menschen sehr nahe zusammen leben, dann wird es immer wieder einmal nicht so harmonische Zwischenfälle geben. Das bedeutet nicht, dass dann alles aus ist, sondern solche Situationen gehören genauso zum Leben wie die sehr schönen Zeiten.

Auch sollte ich meinen Wert als Mama nicht daran festmachen, was andere Menschen von mir halten. Auch nicht daran, was mein Kind von mir denkt. Nicht die Anerkennung anderer Menschen gibt mir meinen Wert, sondern ich BIN wertvoll und unersetzlich als Mama dieses Kindes. Und ich sollte wissen, dass ich aufgrund meines Alters und meiner Lebenserfahrung meinem Kind gegenüber die Rolle des „Chefs“ habe. Viele Mütter möchten lieber der Freund ihres Kindes sein. Aber das funktioniert nicht. Ich stehe auf der Leiter einige Sprossen weiter obern und das ist auch richtig so. Wenn mein Kind mit Ängsten kämpft, dann braucht es einen, der stark ist. Jemand, der auf der gleichen Stufe steht wie das Kind, ist nicht stark genug um dieses Kind zu beschützen. Vielleicht haben wir schon Chefs erlebt, die ihre Position uns gegenüber ausgenutzt haben und wollen nun um nichts auf der Welt solch einen Chef herauskehren. Das ist okay. Aber es gibt auch richtig gute Chefs, solche, denen das Wohlergehen ihrer „Untergebenen“ wichtig ist und die notfalls auch mal den eigenen Kopf hinhalten, damit die Firma läuft. Solche Chefs sind aber trotzdem die „Bestimmer“. Und sie sagen, wo es lang geht.

Ich sollte meinem Kleinkind gegenüber wenige, aber klare Ansagen machen. Ich kann nicht an allen Stellen präsent sein und alles gleichzeitig durchsetzen. Deswegen sollte ich mir gut überlegen, was ich von meinem Kind verlangen kann und will und was nicht. Dazu zählt auch, gut zu durchdenken was in dieser Situation und diesem Umfeld gerade machbar ist und was nicht. (Wenn ich mit einem müden, quengeligen Kind unbedingt noch einkaufen gehen muss, dann ist es sicherlich nicht sinnvoll, genau in diesem Moment mit dem Kind noch Grundsatzdiskussionen zu führen und durchzusetzen.)

Auch darf ich mir jeden Tag neu von Gott Weisheit erbitten im Umgang mit diesem Kind. Auch die nötige Weitsicht und Liebe darf ich mir täglich schenken lassen.

Unser Trotzkopf fordert uns als Paar heraus, miteinander zu reden, konstruktiv streiten zu lernen, sich nicht gegenseitig die Schuld in die Schuhe zu schieben, sondern zu lernen, miteinander am gleichen Projekt zu arbeiten! Das ist nicht immer einfach, aber es bringt uns auch als Paar weiter und lässt uns gemeinsam reifen. Also: Packen wir es mutig an und nehmen dieses interessierte kleine Wesen so wie es ist und begleiten es freundlich und sicher auf seiner Entdeckungsreise ins Leben.