Das verwöhnte Kind

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Kennt ihr das? Man trifft sich im Familienverband zu irgend einer Feier oder einem sonstigen Familientreffen. Die gesamte Verwandtschaft beguckt das neue Baby und freut sich über den süßen kleinen Fratz. (Natürlich erwartet auch Jeder, das Baby einmal im Arm halten zu dürfen. – Eine junge Mutter sagte einmal zu mir: „Ich frage mich, was das soll, mein Kind ist doch kein Wanderpokal!“) Vielleicht gibt die Mama das süße Bündel schon mal einem anderen Familienmitglied in den Arm. Sie ist ja selber unwahrscheinlich stolz auf diesen kleinen Nachkömmling – und das zu Recht. Schließlich hat sie mit Schwangerschaft und Geburt eine tolle Leistung vollbracht. Vielleicht mag sie auch das Baby überhaupt nicht aus der Hand geben. Das ist auch okay. Nur traut man sich als Mama oft nicht so richtig, das deutlich zu machen. (An dieser Stelle solltet ihr die Papas ins Vertrauen ziehen. Die können sehr oft auf eine richtig nette Weise den lieben Angehörigen vermitteln, dass das Baby bei seiner Mama am Besten aufgehoben ist und dass die Mama für dieses Kind das Beste ist, was ihm passieren kann. Schließlich hat der Papa sie ja ausgesucht…)

Egal ob das Kind auf dem Arm der Mama oder auf einem fremden Arm ist, früher oder später wird es die Beklemmung der Mama in dieser großen Menschenansammlung wahrnehmen oder auch sich selbst nicht mehr so ganz wohl fühlen und wird anfangen zu weinen.

Spätestens an diesem Punkt kommt „ES“! Eigentlich muss man schon immer davor auf der Hut sein. „ES“ kommt ganz gewiss, nicht nur bei einer Familienfeier, sondern auch in der Straßenbahn, beim Einkaufen, auf dem Spielplatz oder wenn man sich als junge Mutter anderweitig unter Menschen begibt: „ES“ ist die Aussage: „Na, der Kleine ist ja schon ganz schön verwöhnt!“ Komischerweise trifft eine Mama solch ein dahingesagter Satz oft mit der vollen Breitseite. Ich stellte das fest, als ich einmal mit meinem sechsten Kind unterwegs war. Mein Jüngster hasste Kinderwagenfahren. Tat ich ihm das trotzdem an, hörte es die ganz Straße. Also nahm ich ihn jedesmal recht bald heraus und trug ihn auf dem Arm oder im Tragetuch. Genau so etwas, also wenn man als Mama auf die Bedürfnisse des Babys eingeht, ruft sehr oft bei unseren lieben Mitmenschen oben zitierten Satz hervor. Und ich, als erfahrene 6fach-Mama fühlte mich schlecht! Ich fühlte mich getadelt, obwohl ich eigentlich nur das getan hatte, was meine Pflicht als Mutter eines so kleinen Menschleins war: Ich sorgte dafür, dass es meinem Kind gut geht und dass sich dieses in seiner Haut wohl fühlt. Dabei hatte ich ja nun wirklich Erfahrung mit kleinen Kindern und hatte schon 5 größere Kinder zu Hause, die allesamt, davon bin ich heute noch überzeugt, recht gut geraten sind. Und trotzdem fühlte ich mich durch diesen Satz, der auch noch von einer wildfremden Person kam, getroffen.

Warum ist das so? Warum trifft uns Mütter solch eine Kritik so sehr? Ich denke, es liegt daran, dass wir, seit das Kind da ist, keine Minute mehr nur für uns sind. Alles dreht sich in unserem Leben nur um dieses Kind. Bisher hat uns kein Projekt so sehr in Anspruch genommen wie dieser kleine Mensch. Und wir opfern uns auf, damit es dem Kleinen gut geht. Anstatt einer Anerkennung für so viel Einsatz, wird nun unser Projekt kritisiert. Das trifft uns hart! Außerdem sind wir tief in uns drin überzeugt, dass man so und nicht anders mit einem solchen Baby umgehen sollte.

Was ist da dran? Kann man ein so kleines Kind überhaupt verwöhnen? Ein Baby wächst im Bauch seiner Mutter heran. Dort hat es 24 Stunden täglich Bewegung und Geräusche um sich herum. Es bekommt dauerhaft Nahrung über die Nabelschnur zugeführt und schwimmt nahezu schwerelos im Fruchtwasser. Ein Lagewechsel ist für das Kind sehr einfach zu bewerkstelligen. Nun ist der kleine Mann auf der Welt und nichts ist mehr, wie es war. Eigentlich müssen wir unser Kind erst einmal ganz sachte ENT-wöhnen, bevor wir es VER-wöhnen können. Wir Mamas müssen unserem Kind zuerst einmal ganz viel Nähe und Sicherheit schenken, damit es dann später in der Lage ist, auch einmal Frust zu ertragen.

Stellt euch vor, ihr wollt ein Haus bauen. Da wird ein kluger Bauherr zuerst ein festes Fundament legen, bevor er die Wände aufstellt. So ist das auch bei einem Kind. Zuerst müssen wir in der Kinderseele ein Fundament aus Liebe und Zuwendung legen. Wenn das ganz fest und ausgehärtet ist, dann können wir beginnen, auf dieses Fundament Wände zu setzen. Wände geben einerseits Sicherheit und engen andererseits auch ein. So ist das auch in der Kindererziehung. Aber bei dem kleinen Baby schon Wände aufstellen zu wollen, wäre absolut verfrüht. Also: Ein Baby in diesem Sinne zu „verwöhnen“ ist etwas sehr Richtiges! Deswegen: Macht weiter so und lasst euch nicht verunsichern! Kinder unter einem Jahr kann man nicht im negativen Sinn verwöhnen! Das kommt erst später. Aber darüber reden wir auch erst in einem meiner nächsten Beiträge, versprochen.

 

Eure Mechthild